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            Harninkontinenz

Schon das Wort Harninkontinenz erzeugt ein ungutes Gefühl. Wer kennt nicht die Werbung in denen von schützenden Einlagen und spezieller Unterwäsche die Rede ist. Natürlich ist es wichtig und gut, dass es diese Hilfsmittel gibt. Aber so leicht, wie das alles in der Werbung aussieht, ist es für die Betroffenen wirklich nicht.

Unser Ziel ist es, Ihnen Informationen über diese Erkrankung zu gegen, damit es vielleicht nicht mehr ein ganz so großes Problem ist.
Als erstes habe ich Dr. Matthias Schütte gebeten uns zu erklären, was man überhaupt unter Harninkontinenz versteht?

Dr. Schütte
Unter einer Harninkontinenz versteht man den unkontrollierten, unwillkürlichen Abgang von Urin. Auslösende Ereignisse hierfür können z.B. sein Husten, Lachen, Niesen oder auch das Heben von schweren Lasten.
Was viele vielleicht nicht wissen, es leiden in Deutschland ca. 4 bis 6 Millionen Frauen an einer Harninkontinenz, davon über 50 % der über 50-jährigen. Das kann eine ganz leichte aber genauso auch ein fortgeschritten Form der Harninkontinenz sein. Es ist davon auszugehen, dass 75 % aller Frauen, die eine normale Geburt hinter sich haben, im späteren Leben Probleme mit Harninkontinenz bekommen.

Herr Dr. Polith, wie sieht das Krankheitsbild beim Mann aus?

Dr. Polith
Beim Mann kann sich eine Harninkontinenz, also das Problem Wasser unwillkürlich zu verlieren, aus einem anderen Grund entwickeln. Während bei der Frau der Schließmechanismus nicht genügend greift, sagen wir mal wie ein undichter Hahn, ist es beim Mann eher eine Reaktion der Blase auf den Widerstand, den die Prostata entgegensetzt. Ist die Blase gut im Training sich zusammenzuziehen, entwickelt enorm hohe Kräfte, dann steht dieser “Wasserkessel” unter solchem Druck, dass der Mann in manchen Situationen das Wasser nicht aufhalten kann. Das erzeugt natürlich auch eine Harninkontinenz, aber die hat eben eine etwas anderer Ursache.

Harninkontinenz ist sicher ehr das Thema für die Frau.

Der Weg in die gesellschaftliche Isolation ist nicht weit. Warum aber wird das Gespräch oftmals nicht gesucht?
Weil sich der Betroffene schämt?
Weil es unangenehm ist?

Über Krankheiten wie Diabetes, Rheuma und Krebs wird in aller Öffentlichkeit gesprochen und diskutiert, es gibt jede Menge Hilfe. Anders ist es bei Harninkontinenz, das ist auch heute noch ein großes Tabuthema und die Betroffenen schweigen lieber.

Gibt es unterschiedliche Arten der Harninkontinenz?

Dr. Schütte
Die häufigste Art der Harninkontinenz, insbesondere bei der Frau, ist die sog. Stressinkontinenz. Sie tritt in ca. 40 % der Fälle auf, bei 30 % gibt es noch die sog. Drang- oder Urgeinkontinenz und bei 30 % findet man gemischte Formen. Wichtig ist, dass Harninkontinenz nicht gleich Harninkontinenz ist. Entscheidend ist, dass durch die Untersuchung oder viel einfacher noch durch das Gespräch mit dem Patienten, herausgefunden wird, welche Form wirklich vorliegt. Danach richtet sich dann auch die Behandlung.

Wenn die Tatsache, dass eine Harninkontinenz vorliegt, von den Betroffenen verschwiegen wird, besteht kaum ein Chance auf Hilfe. Das ist ein Teufelskreis, denn ohne fachliche Hilfe kann es keine Besserung geben.

Doch wie kann man Hilfe in Anspruch nehmen, wenn die Meinung vorherrscht, dass daran sowieso nichts zu ändern ist, oder aber , dass das eben ab einem gewissen Alter so ist.

Hier können Sie jetzt etwas über die Ursachen dieser Krankheit lesen:

Dr. Schütte
Ursachen einer Stressinkontinenz ist z.B. ein Oestrogenmangel. Hier das Stichwort Wechseljahre, da es eine Erkrankung ist, die häufig auch im fortgeschrittenen Alter auftritt. Ebenfalls Ursachen können sein eine Gebärmuttersenkung oder überhaupt eine Scheidensenkung, z.B. nach Geburten. Auch kann es eine Schwächung des Bindegewebes sein, wie sie ebenfalls nach Geburten auftreten kann. Es gibt aber auch Erkrankungen aus dem internistischen Formenkreis wie z.B. ein Diabetes mellitus oder auch sonstige Nervenerkrankungen bzw. Nervenschädigungen oder aber auch ganz einfach Übergewicht.

Nachdem wir nun Art und Ursache der Harninkontinenz kennen, ist natürlich als nächstes sehr wichtig, wie diese Krankheit zu behandeln ist.

Dr. Schütte
Bevor man sagen kann, welche Behandlung erforderlich oder sinnvoll ist, ist es zunächst einmal das allerwichtigste festzustellen, welche Form der Inkontinenz überhaupt vorliegt. Das geht in der Regel ganz einfach durch ein ausführliches Gespräch mit dem behandelnden Arzt, letztendlich natürlich auch durch die körperliche Untersuchung.
Hat sich herausgestellt, dass eine sog. Stressinkontinenzform vorliegt, sind grundsätzlich 2 Behandlungsmöglichkeiten denkbar. Zum einen die konservative Form, die sicherlich vorgezogen werden sollte, z.B. durch Ringpessare, die in die Scheide eingelegt werden. Führen diese Methoden irgendwann nicht mehr zum gewünschten Erfolg oder ist der Leidensdruck des Patienten so hoch, dass er damit nicht mehr leben möchte und auch nicht mehr damit zurechtkommt, dann stehen selbstverständlich auch, gerade bei der Stressinkontinenz, operative Verfahren zur Auswahl.
Es gibt verschiedene operative Techniken die man anwenden kann. Richtig ist hier eben auch, dass man den Patienten genau untersucht, damit man ihm die entsprechende Operationsmethode empfehlen kann.

Erwähnen möchte ich in diesem Zusammenhang die noch relativ neue Methode, die in Skandinavien entstanden ist. Es handelt sich um ein sog. TVT-Bändchen. Bei dieser Methode wird ein kleines Kunststoffbändchen unter die Mitte der Harnröhre gelegt und hinter dem Schambein durch die Bauchdecke wieder herausgeführt. Das ist eine relativ einfache Operationsmethode mit verhältnismäßig geringem Aufwand. Der Eingriff dauert nicht sehr lange, insbesondere hat man auch kurze Liegezeiten im Krankenhaus. Bei richtiger Indikationsstellung, also wenn man den richtigen Patienten für so einen Eingriff hat, liegen die Erfolgsraten bei ca. 90 %. Es gibt aber natürlich auch Inkontinenzformen, wie z.B. die Drang- oder Urgekontinenz, wo in der Regel keine Bindegewebsschwäche oder keine Gebärmuttersenkung die Ursache ist. Hier muss man ganz klar sagen, kommen operative Verfahren nicht zum Einsatz, um eine Besserung zu erzielen, hier kann man ausschließlich medikamentös behandeln.

Wie das mit den Behandlungsmethoden beim Mann?

Dr. Polith
Wenn man hier eine Besserung erzielen will, muss man etwas eher ansetzen. Man kann also nicht sagen, wir machen den Hahn noch dichter, sondern muss fragen, wo kommt die Erkrankung her. Da kommt man sehr schnell auf die Prostata, die im Alter häufiger etwas vergrößert ist und dem Harnstrahl einen Widerstand entgegensetzt. In den meisten Fällen wird man hier ansetzten müssen, um das Wasserlassen und das Verhalten beim Wasserlassen bessern zu können.

Stichwort Untersuchungsmethoden: schrecklich, unangenehm, schmerzhaft.
Auch hier liegt vieles wieder am Problem der Unwissenheit.

Dr. Schütte
Ganz wichtig, das möchte ich hier noch einmal betonen, ist das Gespräch bzw. die Anamnese. Häufig ergibt sich aus dieser Anamnese fast schon die Diagnose. Dadurch sind in vielen Fällen weiterführende oder komplizierte Untersuchungen gar nicht mehr nötig. Sollten dann nach diesem Gespräch noch Unklarheiten bestehen , gibt es natürlich die Möglichkeit Spezialuntersuchungen, wie z.B. eine Blasendruckmessung oder eine Ultraschalluntersuchung vom Scheideneingang durchzuführen.
 
Wir haben jetzt etwas über Stressinkontinenz, Urge-Inkontinenz sowie Ursachen und Behandlungsmethoden gehört.
Aber sein wir doch alle mal ehrliche, trotz der gebesserten Zukunftsaussichten bei dieser Krankheit, bekommen möchten wir sie alle nicht. Vielleicht kann Dr. Schütte uns auch noch Tipps zur Vorbeugung geben.

Dr. Schütte
Eine Ursache der Stressinkontinenz sind Geburten, dadurch wird der Beckenboden und das Bindegewebe zwangsläufig immer etwas verletzt. Hier wäre es auf jeden Fall wichtig, nach einer Entbindung Beckenbodengymnastik durchzuführen. Aber auch unabhängig von einer Geburt ist es natürlich sinnvoll solche Gymnastik zu betreiben. Ebenfalls wichtig ist es, darauf zu achten, kein Übergewicht zu haben oder aber bestehendes Übergewicht zu reduzieren

Letzte Frage zum Thema Harninkontinenz: Ist dieses Leiden heilbar?

Dr. Schütte
Also Harninkontinenz ist sicherlich eine Erkrankung, die man sehr gut behandeln kann. Es ist nichts, wo man den Kopf in den Sand stecken muss. Es gibt, wie bereits erwähnt, medikamentöse Verfahren und letztendlich auch operative Möglichkeiten. Man kann in bis zu 90 % der Fälle sehr gute Ergebnisse erzielen. Sehr gut heißt in diesem Fall, dass die Patientin wirklich kontinent ist und kein unkontrollierter oder unwillkürlicher Harnverlust mehr vorkommt.

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