|
Hörsturz: Viele Fragen, die Dr. Jürgen Blaue, hier beantwortet:
Gibt es "Vorboten", d.h. gibt es Anzeigen, die auf einen evtl. Hörsturz hinweisen?
Manchmal ist es so, dass der Hörsturz in dem entsprechenden Ohr von einem Druckgefühl und manchmal auch von einem hochfrequentem Tinnitus begleitet wird. In der Regel ist es aber so, dass ein Hörsturz auftritt ohne vorherige Anzeigen, d.h., plötzlich aus vollem Wohlbefinden heraus.
Welche Symptome sind charakteristisch für den Hörsturz?
Also charakteristisch für einen Hörsturz sind Symptome wie plötzliche einseitige Hörstörung. Weiterhin geben vielen Patienten an, sie höre wie durch Watte, beklagen zusätzlich aber auch ein Druckgefühl auf der entsprechenden Seite. Manchmal ist es auch so, dass ein hochfrequenter Tinnnitus zusätzlich mit der Hörminderung auftritt, dass kann auch gleichzeitig sein. In wenigen Fällen klagen Patienten, die unter einem Hörsturz leiden auch über Schwindel.
Ist immer nur ein Ohr betroffen?
In etwa 95 % der Fälle können wir davon ausgehen, dass lediglich einseitig die Hörstörung auftritt. In 5 % der Fälle können beidseitige Hörstörungen auftreten.
Sollte man auf jeden Fall sofort einen Arzt aufsuchen?
Man muss feststellen, dass der Hörsturz ein ernstzunehmendes Krankheitsbild ist, bei dem der Hals-, Nasen und Ohrenfacharzt möglichst bald aufgesucht werden sollte. Es handelt sich hier zwar nicht um einen Notfall, bei dem die Therapie unmittelbar eingeleitet werden muss, aber immerhin um einen Einfall, der innerhalb von 24 Stunden diagnostiziert und dann auch therapiert werden soll.
Gehe ich jetzt aber nicht innerhalb von 24 Stunden zum Arzt?
Dann kann es durchaus sein, dass die Prognose insgesamt im Hinblick auf eine mögliche Hörverbesserung, die wir ja erzielen wollen, schlechter wird.
Jährlich verlieren in Deutschland über 15.000 Menschen ganz plötzlich durch solch einen Hörsturz das Hörvermögen.
Herr Dr. Blaue welches sind die Ursachen solche eines Hörsturzes?
Mann muss allgemein feststellen, dass die Ursachen für einen Hörsturz immer noch nicht geklärt sind und daher weitgehend unbekannt sind. Es gibt aber Erklärungsversuche oder auch Hypothesen. Wir gehen in der Regel davon aus, dass der Hörsturz durch eine Durchblutungsstörung des Innenohres hervorgerufen wird. Diese Durchblutungsstörungen können durch Verstopfungen bzw. Verkrampfungen, die man als Spasmen bezeichnet, in den dünnen Innenohrarterien hervorrufen werden. Insbesondere gilt das für die Patienten, die vorher schon Gefäßschäden hatten, also z.B. Patienten mit einer Zuckererkrankung, Bluthochdruck oder vermehrter Cholesterinbildung, der sog. Hypercholesterinämie. Komplette Gefäßverschlüsse im Innenohr können sogar bis zur Ertaubung führen.
Und wie ist das mit sehr lauter Musik, die man z.B. in der Disco, auf einem Konzert oder aber auch über den Kopfhörer aus dem Wakeman hört?
Also eine zunehmende Lärmbelastung kann durchaus auch zu einer Hörbeeinträchtigung führen, das ist richtig. Man muss davon ausgehen, dass Rockkonzerte, mehrstündige laute Beschallung in der Disco oder über Kopfhörer zu einer hohen Schallbelastung des Innenohres führen können. Bei erheblicher Lärmexposition mit Überforderung der hochkomplizierten und extrem empfindlichen Innenohrstrukturen kann es sein, dass eine Hörstörung und auch Ohrgeräusche auftreten. Je nach Ausmaß der Schädigung ist das Innenohr verübergehend oder dauerhaft Funktionsbeeinträchtigt.
Kommt ein Patient mit den Symptomen, wie wir sie eben gehört haben, zu Ihnen, gibt es eine Möglichkeit genau festzustellen, ob tatsächlich ein Hörsturz vorliegt?
Die Möglichkeiten sind sehr gut. Man kann allgemein feststellen, dass die zur Verfügung stehenden Untersuchungsmöglichkeiten recht umfangreich sind.
Zunächst wird mit dem Untersuchungsmikroskop der Gehörgang und das Trommelfell inspiziert um Entzündungen des äußeren Ohres oder Ohrenschmalzpfröpfe sicher auszuschließen. Die beim Hörsturz vorliegende Funktionsbeeinträchtigung des Innenohres wird danach im Reintonaudiogramm und im Sprachaudiogramm in der Hörkabine festgestellt. Des weiteren ist es wichtig, Erkrankungen des Hörnervs auszuschließen. Das sind Erkrankungen die auch zu Hörbeeinträchtigungen führen, aber eben nicht im Innenohr entstehen. Diesen Erkrankungen des Hörnervs können entzündliche oder tumoröse Ursachen zugrunde liegen.
Wie kann die Erkrankung behandelt werden?
Es ist so, dass in der Akutphase des Hörsturzes durchblutungsfördernde Maßnahmen sinnvoll sind, um die Mikrozirkulation im Innenohr anzuregen. Durch eine Verbesserung des Sauerstofftransportes werden die körpereigenen Reparaturprozesse im Innenohr unterstützt. Wirksamer als Tropfen und Tabletten sind Infusionen, die auch zu einer Verbesserung der Fließeigenschaften des Blutes führen. Je nach Ausmaß der Hörstörung können den Infusionen Medikamente, wie z.B. Cortison zugesetzt werden, die ebenfalls positiven Einfluss auf die Funktion der Innenohrstrukturen haben. Sehr wichtig ist es, den Patienten einige Tage krank zu schreiben, um ihn aus der Stressbelastung am Arbeitplatz herauszunehmen und ihm somit eine bessere Erholungsmöglichkeit generell zu bieten. Wenn die Hörstörung sehr stark ausgeprägt ist oder von Schwindel bzw. starkem Tinnitus begleitet wird, ist es günstiger und besser den Patienten stationär aufzunehmen und dort im Krankenhaus zu behandeln.
Leidet jemand unter solch einem Hörsturz heißt es oft: "Der hatte in letzter Zeit auch so viel Stress, der hat sich viel zu viel zugemutet, das ist ja kein Wunder!" Stimmt das?
Also Stressfaktoren sind häufig in der Tat der Auslöser und zwar aus dem Grunde, weil Stress im Körper zu einer Ausschüttung von Adrenalin und Notadrenalin führt, das sind Hormone, die wiederum zu einer Verkrampfung der Gefäße führen und somit auch eine Hörstörung auslösen können, weil eben das Innenohr schlecht durchblutet wird und der Sauerstofftransport zum Innenohr beeinträchtigt ist.
Man kann aber Stress oder Überbelastung in vielen Fällen einfach nicht vermeiden, was kann man zur Vorbeugung tun?
Da gibt es schon allgemeine Empfehlungen die man geben kann. In erster Linie ist es so, dass wir eine gesunde vitaminreiche Ernährung empfehlen, viel Bewegung an der frischen Luft ist sicherlich auch wichtig. Weiterhin sollten regelmäßige Kontrollen von Blutdruck, von Blutfetten und Blutzucker durchgeführt werden. Außerdem sollte übermäßiger Kaffee-, Tee- und Alkoholgenuss vermieden werden. Besonders wichtig ist es, dass komplett auf das Rauchen verzichtet wird, weil Nikotin ein Gefäßgift ist, das wiederum auch zu entsprechenden Verkrampfungen und Verengungen in den Arterien führt.
Ist der Hörsturz richtig auszuheilen, oder bleiben in den meisten Fällen Schäden zurück?
Es ist in den meisten Fällen eigentlich möglich. Man kann davon ausgehen, dass die Spontanremissionsrate, auch dann wenn ein Hörsturz nicht behandelt wird, relativ hoch ist. Trotzdem ist aber günstig die Hörsturzbehandlung mit Infusionen möglichst schnell einzuleiten. Man kann allerdings nicht davon ausgehen, dass jeder Patient schon unter der Infusionstherapie eine komplette Wiederherstellung des Hörvermögens erfährt. Manchmal ist es aber so, dass sich das Hörvermögen später dann auch noch so weit an das andere Ohr angleicht, dass wieder ein normales Hören möglich ist. Diagnostisch ungünstig sind die Hörstörungen, die begleite werden von Schwindel und von Tinnitus, da sind die Chancen eine komplette Restitution zu erreichen etwas eingeschränkt.
|