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Das  Gesundheitsmagazin  im  Bürgerfunk 

 

von und mit
 Ute Lange

Stress

Der Stress bringt mich um !

Eine Sendung vom 19.10.2005 zum Thema
Stress
mit
Peter Wellpott,
Diplomphsychologe aus Bad. Oeynhausen
 

Wirklich, er war unentbehrlich!
Überall, wo was geschah
zu dem Wohle der Gemeinde,
er war tätig, er war da

Schützenfest, Kasinobälle,
Pferderennen, Preisgericht,
Liedertafel, Spitzenprobe,
ohne ihn da ging es nicht.

Ohne ihn war nichts zu machen,
keine Stunde hatt´er frei.
Gestern, als sie ihn begruben,
war er richtig auch dabei.
 

Soweit Wilhelm Busch zum Thema Stress.

Na, ja, ich hoffe doch, dass es bei Ihnen nicht ganz so schlimm ist.

Aber, Stress und vor allem auch seine vielen Folgeerscheinungen sind in unserer Leistungsgellschaft doch ein großes Problem.

Den Begriff Stress hat der österreichisch-kanadische Forscher Hans Selye geprägt, um die Reaktion von Tieren und Menschen auf Belastungen zu beschreiben. Ursprünglich sollte damit wirklich nur deutlich gemacht werden, was bei Belastung im Körper passiert. Keiner ahnte, welche Karriere dieser Begriff tatsächlich machen würde.
Europaweit haben mehr als 40 Millionen Menschen bei der täglichen Arbeit Stress, so berichtet die europäische Arbeitsschutzagentur.
Aber nicht nur am Arbeitsplatz werden wir mit Stress konfrontiert, auch in der Freizeit steigt der Anspruch stets aktiv und auf dem neusten Stand zu sein. Wer aber mal genau darüber nachdenkt, der wird vielleicht merken, dass mancher Stress "hausgemacht" ist.

Dem Diplompsychologen Peter Wellmann habe ich zum Thema Stress viele Fragen gestellt, hier nun nachfolgenden das Ergebnis:

Was ist Stress überhaupt?

Peter Wellpott:
Von der Grundlage her ist Stress einfach ein Lebenserhaltungsprogramm, d.h. es kommt eine Bedrohung, in Urzeiten war es der wilde Tiger, der z.B. hinter einem Menschen her war , vor dem man dann so schnell wie möglich weglaufen musste. In solch einem Fall stellt das Stressprogramm alle Energien und Kräfte zur Verfügung, die in der Muskulatur ist. Zweites Beispiel: wir haben Hunger und müssten eigentlich ein Kaninchen jagen das da gerade vorbeiläuft und auch hier brauchen wir alle Energien und Kraft, das wir unser Vorhaben umsetzen können. Dafür stellt uns das Stressprogramm durch die Ausschüttung von Adrenalin die Möglichkeiten zur Verfügung. Eigentlich ist es im Prinzip etwas gesundes.

Ab wann ist Stress denn dann ungesund?

Peter Wellpott:
Stress wird im Grunde genommen ungesund durch eine Anhäufung. D.h. um bei dem Beispiel des Tiger zu bleiben, da haben wir eine momentane Belastung, das geht einmal hoch her, danach ist wieder Ruhe, dann sind wir auf dem Baum und in Sicherheit und können uns ausruhen. Im täglichen Leben heutzutage ist die Begegnung mit Tigern relativ selten, zumindest frei. Wir haben eine andere Form von Stress, wir haben beispielsweise Ärger mit dem Chef. Die biologische Reaktion darauf ist so ähnlich als wäre der wilde Tiger hinter uns her, wobei die Möglichkeit Angriff oder Flucht nicht so gut ist, Angriff lässt man sicherlich besser, weglaufen kann man auch nicht. D.h. also, das was eigentlich im biologischen Programm vorgesehen ist, passiert dann nicht. Man schluckt das im wahrsten Sinne des Wortes runter und die Spannung bleibt erhalten ohne das sie sich in einer körperlichen Art und Weise äußern kann. Wir hauen nicht drauf, wir laufen nicht weg, die Spannung bleibt erhalten. Wenn das jetzt immer wieder und immer wieder passiert, erschöpft sich das, so wie ein Auto wenn es mit Vollgas über die Autobahn fährt und irgendwann mal einen leeren Tank hat.

Wie kann ich das denn unterscheiden?

Peter Wellpott:
Ich glaube schon, dass man den Unterschied relativ deutlich spüren kann. Wenn jemand nicht Hundertprozentig sicher ist, ob das jetzt angenehm oder unangenehm ist, möge er sich einfach nur vorstellen, dass diese Situation ca. 2 Stunden ununterbrochen anhält. Wenn der Betroffene dann denk: „um Gottes willen“ dann ist es unangenehmer Stress und wenn er denkt: „oh ja!“, dann ist es etwas Angenehmes. Es fällt heute so vielen Menschen schwer, das ein Stückchen weit zu unterscheiden, weil es ja auch immer heißt: „Stress ist wichtig fürs Leben“. Das ist prinzipiell zwar richtig, denn ansonsten würde alles in einem grauen Mus von Langeweile untergehen. Ich denke mal, das Gefühl spürt man dann schon, ob das eher angenehm ist oder eher eine Überlastung oder Überforderung ist

Wenn aber ein Missverhältnis zwischen den Herausforderungen an einen Menschen und seine Möglichkeiten  zur Bewältigung dieser Herausforderungen besteht, kann es ganz schnell zu dem sog. ungesunden oder auch negativen Stress kommen.
Hierfür gibt es die unterschiedlichsten Auslöser.

Peter Wellpott:
Die Auslösung von Stress hängt natürlich sehr sehr stark davon ab, was vorher schon gelaufen ist. Beispielsweise, da ist vor ½ Jahr eine Scheidung gewesen, es gibt einen Pflegefall zu Hause, der Arbeitsplatz „bröckelt“, man ist von Arbeitslosigkeit bedroht, wenn so eine Situation da ist und dadurch die Basis bzw. die Grundlage in irgendeiner Form schon sehr brüchig ist, dann können selbst Kleinigkeiten zu einer Reaktion führen mit der man selber nicht gerechnet hat. Oder auch bei Dingen aus alter Vergangenheit, z.B. wenn Menschen z.B. in jungen Jahren oder in Kinderjahren Gewalt erfahren haben, dass dann unter Umständen Situationen auftreten können, wo der Stress sich so anhäuft, dass diese Dinge auch noch einmal wieder auftauchen. Im Endeffekt heißt das, dass man nicht sagen kann, wenn ich 2 Leute habe, die der gleichen Stresssituation ausgesetzt sind, dass die gleich reagieren. Bei demjenigen, der eine hohe Basisbelastung hat, kann selbst eine Kleinigkeit zu einem Ausraster führen, zu Depressionen, zu Ängsten, zu einer Dekompensation, währenddessen der andere vielleicht gerade aus dem Urlaub gekommen ist und alles recht ruhig sieht und so eine Sache dann fast nebenher erledigt.

Dann ist es ja tatsächlich so, dass der eine häufiger und vielleicht auch stärker unter Stress leidet als der andere.

Peter Wellpott:
Ja! So unterschiedlich wie wir sind und aussehen, wobei das damit natürlich nichts zu tun hat, so unterschiedlich ist auch unter Umständen unsere Reaktion auf Stress. Das hat beispielweise etwas damit zu tun, in wieweit wir gewohnt sind mit einer Situation umzugehen. Ein Beispiel, was sehr viele Menschen kennen: Autofahren lernen. In dem Moment, wenn wir anfangen einen Führerschein zu machen, sitzen wir in dem Ding drin, haben schweißnasse Hände, jeder Bollerwagen der uns entgegen kommt, löst bei uns eine mittlere Panikreaktion aus und damit Stress. Wenn wir jetzt schon 30 Jahre lang Fahrpraxis haben, dann können wir gleichzeitig Radio hören, uns mit unserem Beifahrer unterhalten, mit nur einer Hand am Steuer und ab und zu noch gucken, was da draußen vor sich geht. D.h. also, eine gewisse Form von Gewöhnung ist auch auf Dauer stressreduzierend. Also Übung, und Training, wie  z.B. Schule oder Arbeitsplatz,  ist schon etwas hilfreich.

Auch Sie fühlen sich sicherlich oft genervt, gestresst oder überfordert, wissen aber in dem Augenblick gar nicht warum. Vielleicht sollten Sie dann mal überlegen, welches Ihre ganz persönlichen Stressquellen sind.

Mich hat natürlich interessiert, ob das Stressempfinden bei Mann und Frau unterschiedlich ist?

Peter Wellpott:
Im Großen und Ganzen nein. Aber es ist natürlich so, dass aufgrund der unterschiedlichen Rollenaufteilung, die wir nach wie vor haben und auch aufgrund des unterschiedlichen Rollenverständnisses, dass das war Menschen als stressend erleben sehr unterschiedlich ist. Was uns tatsächlich stresst, unterliegt einer gewissen Bewertung, das natürlich auch etwas mit Erziehung zu tun hat. Es ist eine Illusion anzunehmen, dass Männer und Frauen gleich erzogen werden, ein Mann der weint ist eine Memme und ein Mädchen, dass öfter Mal auf den Putz haut und seine Meinung sagt, ist eine Furie. Dadurch werden Rollenzuweisungen gemacht, die im Grunde genommen überhaupt nicht mehr passen. Es ist also auf jeden Fall viel Erziehung mit drin.

Wer ärgert sich nicht mal über die Ehefrau, den Ehemann, die Kinder, die Schwiegermutter oder aber über den blöden Autofahrer, der einem die Vorfahrt nimmt. ich könnten noch Unmengen weitere Situation nur aus dem täglichen Lebens aufzählen. Man ist in diesem Augenblick einfach ärgerlich und sogar richtig wütend.

Was passiert in solche eben geschilderten Augenblicken in unserem Körper?

Peter Wellpott:
Das bekannteste ist natürlich die Adrenalinausschüttung, was im Prinzip verbunden ist mit einer allgemeinen Kreislaufbeschleunigung, Herzklopfen und der Muskeltonus erhöht sich. Kommen wir doch noch einmal zu dem  Beispiel mit dem Tiger der hinter einem herläuft. Wenn wir uns jetzt vorstellen, was wir brauchen um von diesem Tiger weg zu kommen, ist das Kraft und dafür bereitet uns die Stresssituation vor. Es geschieht blitzartig und schnell. Natürlich ist es so, dass bei den modernen Stressbelastungen z.B. am Arbeitsplatz, die Stichworte: Dauerstress, Dauerbelastung an der Tagesordnung sind, d.h. dass immer wieder durch gewisse Anregungen „Adrenalinausschüttungen“ hervorrufen werden und die Anforderung kommt: "Jetzt musst du weglaufen, jetzt musst du angreifen". Passiert das dauernd, erschöpft sich das. d.h. aber auch, dass auf Dauer die Hormone des Körpers ein Stück weit beeinflusst werden.

Wie geht es wohl einem Menschen, der permanent solchem Stress ausgesetzt ist.

Peter Wellpott:
Das geht ihm auf Dauer nicht unbedingt gut!
Ich habe sehr oft erlebt, dass Patienten berichten, dass sie Beklemmungsgefühle haben, sehr stark unter Herzklopfen leiden, ganz stark Schweißausbrüche bekommen, Magen und Darmprobleme haben z.B. Durchfall oder Verstopfung, oder ähnliche Dinge.

Bei einigen dieser körperlichen Symptome wird man wahrscheinlich anfänglich gar nicht erkenne, das es  die Folgen des immer wiederkehrenden Stress sind.

Peter Wellpott:
Selbstverständlich, beispielsweise Magenprobleme oder auch Bluthochdruck, der ja gerade auf der psychischen Ebene recht reagibel ist, d.h. er reagiert sehr leicht auf diese Dinge.
Es ist natürlich vollkommen klar, wenn Jemand von sich das Bild hat, na ja ich bin souverän, mich kann nichts schocken, dann hat er natürlich auch selbstverständlich keinen Stress. Das Problem ist aber, das Stressprogramm gilt für uns alle, da kommen wir schlicht und ergreifend nicht drum rum.
Es ist sehr schwer, wenn Jemand in einem gewissen Alltagstrott, der mit viel Stress belastet ist und einhergeht, drin steckt, sich dann wirklich die Ruhe zu nehmen, sich zurückzulehnen und zu sagen: „Moment mal, wie sieht mein Tagesablauf überhaupt aus, wie sieht das jetzt rein minutiös aus".
Habe ich z. B. einen langen Weg zur Arbeit und weiß genau ich brauche 1 Stunde, fahre aber erst 55 Minuten vorher los   dann ist es logisch, dass es irgendwann eng wird. Da gibt es eine Menge Beispiele, die in diese Richtung gehen, wo man häufig gar nicht mehr so richtig die Zusammenhänge erkennt. Man braucht wirklich Zeit, sich zurückzulehnen und zu gucken, was läuft da eigentlich, was mach ich da eigentlich, wie gehe ich damit um, wie gehe ich mit Menschen um.
Stichwort Menschen: Ganz häufig müssen wir mit Menschen umgehen, die wir nicht mögen, das ist auch eine Stressbelastung.

Ab wann gefährdet dieser Dauerstress nun wirklich die Gesundheit ?

Peter Wellpott:
Das ist individuell selbstverständlich sehr unterschiedlich. Wenn man an bestimmte Dinge gewohnt ist, ist evtl. der Zeitpunkt etwas später. Wobei das Problem der Gewöhnung natürlich darin besteht, dass man sich auch an die negativen Elemente sehr stark gewöhnt und dann nicht mehr unterscheidet, wo die Belastung anfängt. Diese Unterscheidung wird dann irgendwann mal sehr schwierig.
Im Prinzip wird Stress spätestens dann auf der psychischen Ebene gefährlich, wenn ich merke, dass ich viele Reaktionen, vor allem impulsive Reaktionen,  kaum noch unter Kontrolle habe. Also wenn ich permanent ausraste, wenn ich oft am Schreien bin, wenn ich zwischendurch keine Erholungspausen mehr habe. Das Leben ist immer ein Wechsel von ganz verschiedenen Elementen. Der Alltag ist sehr gleichförmig, da sind aber wenig Höhepunkte drin. Es ist wichtig, dass es zwischendurch mal so ein Highlight gibt, z.B. wenn man unter einem schönen Baum sitz, sich nett unterhält oder den Kindern zuschaut oder auch im Urlaub am Strand oder auf einem Berg mit einer tollen Aussicht ist. Es gibt ganz viele solcher sog. Glücksmomente. Wenn dann irgendwann mal Zeiten da ist, wo die Gefühle von belastet sein, genervt sein, angespannt sein, anfangen in einen Dauerbereich überzugehen und wo das nicht mehr aufhört, dann ist es spätestens die Gelegenheit, das man sagt: „o.k. irgendetwas stimmt hier nicht, ich muss gucken, was mich da stresst, was mich da auf Dauer belastet“.

Und wie ist es mit körperlichen Problemen, wann werden die zu einer ernst zunehmenden Gefahr?

Peter Wellpott:
Wenn körperliche Symptome sehr stark werden, z.B. der wechselnde Bluthochdruck oder aber Magenbeschwerden, die immer wieder kommen und man ständig beim Gastroenterologen, ist, der eine Spiegelung nach der anderen macht und sagt: „Na ja, Helicobacter haben Sie nicht, dann wollen wir mal schauen, ob es nicht noch andere Gründe gibt“, das wäre dann schon mal eine Möglichkeit, darüber ein Stück weit nachzudenken.

Vielen von uns sind Meister im Verdrängen.
Man ist völlig fertig, aber, man bürdet sich trotzdem immer noch mehr Arbeit auf.
Was passiert, wenn bei "Dauerstress" alle Warnungen des Körpers ignoriert werden?

Peter Wellpott:
Ich denke mal, sowohl unsere Seele als auch unser Körper, das ist so meine Erfahrung, haben Grenzen. Wenn diese Grenzen, die bei jedem unterschiedlich sind, irgendwann mal überschritten werden, dann bricht man einfach zusammen, entweder seelisch oder körperlich. Das merkt man dann schon sehr deutlich. Zu mindest merkt es die Umwelt, die dann feststellt, dass man sich gewaltig verändert hat. Oder man merkt selber, dass man mit vielem nicht mehr klar kommt.
Da sollte man dann entsprechend schon drauf eingehen.

Wäre ist zu diesem Zeitpunkt nicht wohl an der Zeit über fachliche Hilfe nachzudenken?

Peter Wellpott:
Wenn ich feststelle, wie die Stressbelastung und die Belastung, die ich im allgemeinen habe über mir zusammenschlägen und ich merke ich schaffe das alles nicht mehr, dann sind Ansprechstellen neben dem Hausarzt, Beratungsstellen und natürlich auch Psychotherapeuten. Es gibt inzwischen viele Volkshochschulen, die Entspannungskurse und –seminare oder auch Kurse zur Stressbewältigung allgemein anbieten. Das sind schon Anlaufstellen, wo man zumindest mal fragen kann: "wie kann ich damit umgehen".

Was kann man aber nun dagegen tun, welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

Peter Wellpott:
Wenn also Ängste oder Depressionen schon entstanden sind, gibt es  natürlich die Möglichkeit einer Psychotherapie. Es gibt aber beispielsweise auch die Möglichkeit Schulungsgruppen aufzusuchen. Auch Entspannungstraining ist eine ganz wichtige Sache, wobei nicht jeder Mensch für Autogenes Training geeignet ist, es gibt Leute, denen liegt das nicht.
Außerdem gibt es noch die progressive Muskelentspannung, es gibt die Möglichkeit körperlicher Betätigung. Man muss sich vorstellen, die Stressreaktion versetzt uns normalerweise in die Möglichkeit körperlich zu reagieren, also wegzulaufen oder anzugreifen. Es ist eine gute Möglichkeit mit einer körperlichen Betätigung Stress und Belastungen abzubauen. Z.B. auf der Dienststelle irgendwo im Keller einen Sandsack, wenn man Stress gehabt hat, einfach ein Bild vom Kontrahenten drauf und draufhauen, das könnte evtl. etwas bewirken. Das ist jetzt ein bisschen mit Augenzwinkern gemeint, aber prinzipiell durchaus eine Möglichkeit. Wenn uns unser Körper unter Dampf setzt, ist es am besten den Dampf auf diese Art und Weise auch abzulassen.

Lässt sich Stress mit Antidepressiva behandeln?

Peter Wellpott:
Antidepressiva helfen selbstverständlich nicht gegen Stress. Das sind Medikamente, die dann sinnvoll und hochwirksam sind, wenn, aus welchen Gründen auch immer, sich eine depressive Erkrankung entwickelt hat. Nach meinem Dafürhalten ist davon abzuraten, bis auf extreme Situation, die es natürlich auch gibt und dann aber nur für einen kurzfristigen Zeitpunkt. Beispielsweise eine Beruhigungsmittel, die sog. Benzodiazepine haben einen ganz wichtigen Einsatzbereit für Extremsituationen, aber sie haben natürlich auch ein Abhängigkeitspotenzial, d.h. man gewöhnt sich daran. Es ist natürlich so, selbst wenn man diese Medikamente nimmt und es tritt eine relative Ruhe damit ein, ist ja unter Umständen die Belastung nicht weg. Es eine Frage der Zeit, wann man dann wieder am gleichen Punkt steht.

Es gibt ja auch pflanzliche Beruhigungsmittel, wie z.B. Baldrian oder ähnliches.
Könnte man das nicht erst einmal ausprobieren und vor allem auch ohne vorher einen Arzt aufgesucht zu haben?

Peter Wellpott:
Ich denke mal, ich würde auch so etwas wie die Einnahme von Baldrian mit dem Hausarzt abklären. Schaden kann es ja nicht. Viele Hausärzte empfehlen solche pflanzlichen Medikamente auch, nach dem Motto: "bevor sie mit starken Sachen anfangen, versuchen wir dieses erst einmal". Aber auch für diese pflanzlichen Medikamente gilt natürlich, sie bekämpfen unter Umständen nur das Symptom und nicht die Ursache.

Um das alles aber gar nicht so weit kommen zu lassen, müsste man vielleicht lernen mit Stress besser umzu- gehen, gibt es da Möglichkeiten?

Peter Wellpott:
Das ist wie bei allen Generalisierungen oder Verallgemeinerungen schwierig. So individuell wie unsere Stressreaktion ist, ist auch unter Umständen der Maßnahmenkatalog, der hilfreich ist. Für den einen ist es vielleicht hilfreich, dass er sich zurückzieht, dass er einfach irgendwann einmal, wenn es zuviel wird sagt: "so jetzt reicht es mir, jetzt setze ich mich erst einmal für 1 Stündchen in ein Cafe oder ich gehe einige Minuten spazieren". Bevor man in irgendeiner Form ausrastet halt ich es auf jeden Fall für sinnvoll z.B. unter Umständen erst einmal 1/2 Stunde auf die Toilette zu gehen, denn z.B. am Arbeitsplatz kann man manchen Dingen anders kaum entkommen. Ich habe mir schon von manchen Patienten berichten lassen, dass die Toilette sozusagen die Insel der Glückseligkeit ist, wo man meistens erst einmal seine Ruhe hat. Auf jeden Fall ist Rückzug eine Möglichkeit und dabei zu gucken, wieso bin ich jetzt so aufgebracht, wieso bin ich so nervös und unruhig und sich dann zu fragen, was kann mir im Moment gerade gut tun.
Ein Überdenken der persönlichen Stressbelastung ist jetzt wichtig: Wie sieht das aus bei mir privat, wie sehen meine Beziehungen aus, das ist ganz wichtig und wird häufig unterschätzt. Beziehungen allgemein, damit ist jetzt nicht nur die Partnerschaft gemeint, sondern auch die Beziehungen zu Kindern, zu Eltern, Freundschaften. Wie sieht meine Belastung am Arbeitsplatz aus, gibt es dort evtl. langfristig Möglichkeiten zu intervenieren, irgendetwas anderes zu machen, Dinge anzusprechen, mit Kollegen zu sprechen. Ich habe sehr häufig erlebt, wenn Menschen sozusagen aus dem Trott, aus der Gewohnheit ausbrechen und einfach mal Dinge ansprechen z.B. „das gefällt mir nicht“ oder „da läuft irgendetwas schief“, die Umgebung dann häufig auch relativ positiv darauf reagiert und sagt: ", das Gefühl habe ich auch schon lange, gut dass du es ansprichst, wollen doch mal sehen was wir da machen“.
Auf jeden Fall bringt all das was mit Spaß und Freude gemacht (und vielleicht nicht unbedingt mir übermäßigem Alkohol- oder sonstigen Stoffgenüssen zu tun hat) in solchen Zeiten der extremen Stressbelastung dann auch Entlastung. Es kann sogar einfach nur ein Comicheft sein, das ich als Erwachsener einfach mal zwischendurch lese.

Es wäre doch alles viel einfacher, wenn ich den ganzen Stress vermeiden würde.

Peter Wellpott:
Nein, wir können die Stressbelastungen des täglichen Lebens nicht endgültig vermeiden. Es ist im Prinzip völlig unmöglich und auch mit unserer menschlichen Natur nicht vereinbar, denn ich fürchte, wenn wir überhaupt keinen Stress mehr hätten, hätten wir Langeweile und zwar extrem und d.h. dass würde dann wieder stressen, denn Langeweile ist auch Stress.

Das Wort und auch die Erkrankung Stress ist ungeheuer berühmt geworden. Von meinen Großeltern z.B. kann ich das nicht
Hatten die keinen Stress, oder wurde darüber einfach nicht gesprochen?

Peter Wellpott:
Wahrscheinlich letzteres, bzw. wahrscheinlich hat man es einfach anders genannt. Dieses Stressprogramm ist seit Urzeiten in uns drin. Seit wir aus der „Ursuppe“ aufgestanden sind und als „Einzeller“ unser Leben gefristet haben, hat sich das im Prinzip so aufgebaut. Wie man das Kind nennt, ist natürlich unterschiedlich. Wenn man bedenkt, dass unsere Vorfahren nur teilweise 40 Jahre alt geworden sind, dann weiß man schon, wie stark dieser Überlebensstress in irgendeiner Form durchgeschlagen hat.

Aber ist nicht auch unsere Freizeit heute mit unheimlich viel Stress durchzogen. Wer hat schon außerhalb der Arbeit richtig Zeit für sich selber und kann die Seele einfach mal baumeln lassen. Fast unmöglich bei den vielen Terminen.

Peter Wellpott:
Es lebe die Rückeroberung der Muße. Wobei Muße und Faulsein zwei unterschiedliche paar Schuhe sind. Faulsein ist einfach „gammeln“ und „dahindämmern“, während Muße durchaus ein bewusstes genießen eines bestimmten Zustands ist, wo nichts passiert. Wir haben heutzutage einen enormen Freizeitstress, wenn man In sein will, muss man natürlich wenn man freie Zeit hat, diese mit bestimmten Tätigkeiten füllen, d.h. also dass in den Freizeitbereichen natürlich noch Belastungen oben drauf gekommen sind. Sich davon zu befreien ist gerade unter dem Stichwort Gruppendruck natürlich sehr schwer.

Stichwort: Bournout-Syndrom. Sogar die Chefetagen unserer Arbeitswelt sind davon betroffen, Führungs- kräfte leiden darunter. Was ist das?

Peter Wellpott:
Wörtlich übersetzt heißt es ausgebrannt sein. Ich denke mal, wenn man den deutschen Begriff nimmt, dann passt das. Ein Bild was ich dazu immer habe ist eine Wunderkerze, die ihr Feuerwerk versprüht, "Action, Action, machen, machen" und irgendwann mal ist der Zunder weg, es ist Feierabend. Es ist genauso wie ein Auto, das irgendwann einmal den Tank leer gefahren hat. Es wäre gut, auf die Tankuhr zuachten und bevor der Tank ganz leer ist zu tanken, damit man nicht mitten auf der Autobahn einfach stehen bleibt. Genauso ist das bei Menschen auch. Wenn ich natürlich permanent meinen Tank leer fahre, also immer bis an meine Grenzen gehe, im privaten wie im beruflichen, dann ist irgendwann tatsächlich mein Tank leer und dann bleibe ich stehen, dann bin ich ausgebrannt. Dann muss ich mühsam mit anderer Hilfe zur nächsten Werkstatt oder Tankstelle abgeschleppt werden, wo ich ebenso mühsam wieder betankt werde. Vielleicht macht dieses Bild es ein wenig deutlich worum es dabei geht.

Gibt es einen Personenkreis, der besonders gefährdet ist?

Peter Wellpott:
Ein Bournout-Syndrom ist natürlich gerade sehr häufig bei Menschen, die hinsichtlich ihrer Tätigkeit sehr hoch motiviert sind, häufig sehr hoch qualifizierte Tätigkeiten haben, Ärzte, Rechtsanwälte, in Banken und Versicherungen arbeiten. Leider werde die Belastungen die sich daraus  über eine lange Zeit hinweg ergeben unterschätzt. Das ist das eigentliche Problem.

Das Bournout-Syndrom ergibt sich häufig
a) aus einer Unterschätzung der Belastung
und
b) häufig aus einer Überschätzung der eigenen Möglichkeiten.

Da ist natürlich vollkommen klar, je stärker ich ans Ende meiner Batterie komme, desto höher wird dann, im Gegensatz zum Auto, der Verbrauch. Ich muss, wenn ich sowieso schon sehr hoch belastet bin und eigentlich sehr angespannt bin, immer mehr Power reingeben, damit ich überhaupt das Niveau halten kann. D.h. am Ende geht es immer schneller. Wenn man an der Grenze angekommen ist, dann reichen unter Umständen 2 Tage und ich bin völlig fertig.

Wie äußert sich dieses völlig fertig sein?

Peter Wellpott:
Dann kommt es im Extremfall zu einem völligen körperlichen und psychischen Zusammenbruch. Es kann verbunden sein mit Weinkrämpfen, mit absoluten Schwächezuständen und im Grunde genommen, wenn ich es platt ausdrücke, ist der Bournout der Herzinfarkt der Seele.

Enden möchte ich wie ich begonnen habe, mit einem Gedicht.
Was sagt uns Otto Reuter zum Thema Stress:
 

Ach, was sind wir dumme Leute -
Wir genießen nie das Heute.
Unser ganzes Menschenleben
ist ein Hasten , ist ein Streben,
ist ein Bangen , ist ein Sorgen -
Heute denkt man schon an Morgen,
Morgen an die spät´re Zeit -
Und kein Mensch genießt das Heut`
Auf des Lebens Stufenleiter
Eilt man weiter, immer weiter.

Nutz den Frühling deines Lebens,
Leb im Simmer nicht vergebens
Denn gar bald stehest du im Herbste
Bis der Winter naht, dann sterbste.
Und die Welt geht trotzdem heiter
immer weiter, immer weiter..

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